TOMI UNGERER   Leave a comment

Nach zwei Schwestern und einem Bruder wurde Tomi Ungerer als viertes und jüngstes Kind der Familie geboren. Sein Vater Théodore war der Familientradition nach ein Uhrmacher und ein Turmuhrenfabrikant,[1] aber auch ein Künstler, Historiker und Büchersammler, der unter anderem die Astronomische Uhr des Straßburger Münsters wartete. Er entwarf und baute auch die größte astronomische Uhr der Welt im Dom von Messina auf Sizilien.[2] Ungerers Mutter Alice, geborene Essler, stammte aus einer oberrheinischen Industriellenfamilie (gest. 1989). Er lernte seinen Vater nie richtig kennen, denn dieser starb 1935 an den Folgen einer Blutvergiftung, als Tomi erst dreieinhalb Jahre alt war. Später widmete er einige Bilderbücher ausdrücklich vierjährigen Kindern.

Die Mutter zog nach dem Tod des Vaters mit Tomi und seinen drei Geschwistern zurück in ihr Elternhaus nach Logelbach, einem Industrievorort von Colmar, das von der Firma Haussmann zur Verfügung gestellt wurde. Der Vater von Ungerers Mutter war technischer Direktor bei der Spinnerei Haussmann. Dort wuchs er unter der warmherzigen, aber überbehütenden Fürsorge seiner Mutter auf. Ungerer wurde als Kind von seinen Spielkameraden ferngehalten [3] und zu Hause sprach man nur Französisch, denn Elsässisch galt als die Sprache des Volkes. In seinem Kinderbuch „Kein Kuß für Mutter“ (1974) spielt er auf diese Fürsorglichkeit an. Als Jüngstem in der Familie hörte man ihm nie zu und nahm ihn nicht ernst, dafür ließ man ihm alle Streiche durchgehen.

Erst im Alter von neun Jahren wurde Ungerer wegen der deutschen Besatzung und ihrer Einführung der Schulpflicht in die Volksschule eingeschult. Innerhalb von drei Monaten erlernte er die deutsche Hochsprache und den elsässischen Dialekt. Auf diese Weise erlebte er die allgemeine Unterdrückung durch die Deutschen zunächst als eine persönliche Befreiung.[4] Ungerer lernte sich anzupassen, zu Hause war er Franzose, in der Schule der deutsche Hans und bei seinen Spielkameraden ein Elsässer. Trotz dieser Beschwernisse schätzt Ungerer sein Familienleben als bildend und aufbauend für Geist und Gemüt ein: „Ich bin wirklich aufgewachsen mit dem Respekt vor der Schönheit der Natur. Und das hat mich total geprägt, mein ganzes Leben. Wir hatten ein echtes altmodisches Familienwesen: Jeden Abend nach dem Essen wurde Karten gespielt, aus Büchern vorgelesen oder gesungen.“ [4] Er wurde von früh an ermutigt, zu zeichnen und zu schreiben. Seine Bushaltestelle zur „Matthias Grünewald-Schule, Oberschule für Jungen“ (heute Lycée Bartholdi) in Colmar lag zufällig vor dem Musée d’Unterlinden, in dem er sich immer bei Regen aufhielt und so oft Grünewalds Isenheimer Altar bewundern konnte.

Seine Schuljahre wurden zunehmend von Krieg und Besetzung geprägt. Im Erdgeschoss des Elternhauses wurde ein Wehrmachtsoffizier einquartiert. Gegenüber lag die Fabrik Haussmann, die zu einem Gefangenenlager umfunktioniert wurde. Im Winter 1944/45 wurde drei Wochen lang in einem Stellungskrieg um den „Colmarer Brückenkopf Elsaß“, dem „Poche de Colmar“ gekämpft.

Für weitere Drangsal und Konfusion sorgte ein zweimaliger Wechsel der Unterrichtssprache: von Französisch zur deutschen Sprache, die durch autoritäre, nationalsozialistische Lehrer repräsentiert wurde, und wieder zurück zum Französischen, das nun ebenso konsequent durchgesetzt wurde. Nicht nur Hochdeutsch, sondern auch der regionale Dialekt wurde verboten. Ungerer bezeichnet die Vorgehensweise der Franzosen als ein kulturelles Verbrechen („crime culturel“) und einen kulturellen Mord.[5] Ihm wurde nahegelegt, seinen Akzent zu verlieren, bevor er sich mit französischer Literatur beschäftige. Das führte zu Schwierigkeiten mit dem Französischen, so dass er knapp das Baccalauréat (Abitur) verfehlte. Schließlich wurde er in seinem Abschlusszeugnis als pervers und subversiv beurteilt. Nach dem frühen Verlust seines Vaters verlor er auch noch eine sichere Lebensperspektive.

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Publié 0, janvier 30, 2011 par NOUNOURS dans Uncategorized

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